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Palazzo Schifanoia ist ein Renaissance-Palast in Ferrara in der Emilia-Romagna, Italien, der für die Familie Este errichtet wurde.Berühmt ist der Palast für die astrologischen Fresken des Francesco del Cossa und des Cosmè Tura im Salone dei mesi. Der Name Schifanoia ist abgeleitet von schivar la noia, was buchstäblich bedeutet die Langeweile verabscheuen, oder besser vor der Langeweile fliehen, was genauer den Sinn dieses Palastes, eines frühen Sanssouci, trifft.

Als außergewöhnliches Zeugnis der Pracht der Renaissance ist der
Palazzo Schifanoia das Wahrzeichen von Este Ferrara. Errichtet um 1385
als Vorstadtrefugium, um der Langeweile zu entfliehen (italienisch:
schifar la noia, daher der Name), wurde der Palazzo später von Borso
d'Este (1450–1471) erweitert, der das Gebäude nach seinem Bild
gestaltete und es so prunkvoll und einzigartig machte, dem hohen
Ansehen Ferraras in Europa zu jener Zeit entsprechend. Das Herzstück
bildet der außergewöhnliche Salone dei Mesi (Saal der Monate), der um
1469 zu Ehren des Stifters und seiner Verbindung zu den Göttern und
Sternen geschaffen wurde. Nach der Übertragung Ferraras an den
Kirchenstaat im Jahr 1598 begann der Niedergang von Schifanoia, der
Form und Funktion des Hauses veränderte. Die Wiederentdeckung der
Dekorationen im Monatssaal im 19. Jahrhundert führte schließlich dazu,
dass das ehemalige Stadtpalais 1898 zum neuen Museo Civico von Ferrara
wurde. Nach einem Erdbeben im Jahr 2012 und der anschließenden
architektonischen Restaurierung ist das Museo Schifanoia nun wieder für
Besucher geöffnet und bietet ein einzigartiges, fesselndes und
immersives Erlebnis.

Schifanoia, Ferrara und die Ursprünge des Museums
Die Einrichtung eines Museums in einem historischen Haus stellt eine
große Herausforderung dar. Es ist äußerst komplex, Wege zu finden, um
den Anforderungen an die Präsentation von Objekten in nicht-neutralen
Räumen gerecht zu werden, die für andere Zwecke geschaffen wurden und
sich durch ihre ursprüngliche oder noch erhaltene Dekoration
auszeichnen. Deshalb schafft der neue Besucherrundgang im Museo
Schifanoia einen Dialog zwischen dem historischen Gebäude und den
städtischen Sammlungen.
Im ersten Raum haben wir eine Parallele zwischen den ausgestellten
Objekten der Sammlung und der Stadt Ferrara geschaffen. Frühe Karten
von Ferrara – die berühmte Karte von Andrea Bolzoni und die Karte der
Stadt aus dem 19. Jahrhundert, kurz vor der Dezentralisierung, von
Filippo Borgatti – helfen uns, die Lage Schifanoias im Stadtbild zu
verstehen. Die anderen ausgestellten Objekte erzählen die Geschichte
der Ursprünge des Museums, dessen ältester Kern im 18. Jahrhundert im
Palazzo Paradiso der Universität entstand – als Ort der Bewahrung der
Stadtgeschichte und als Bildungszentrum für verschiedene Wissensgebiete.
Die Sammlungen lokaler Gelehrter bildeten das Rückgrat des Museums. Es
wurde 1758 mit dem Erwerb der umfangreichen Sammlung des Numismatikers
Vincenzo Bellini (1708–1783) gegründet. Später erwarb und schenkte der
große Gönner Gian Maria Riminaldi (1718–1789) die antiquarischen
Sammlungen von Niccolò (1651–1741) und Girolamo Baruffaldi (1675–1755)
sowie des berühmten Epigraphikers Giuseppe Antenore Scalabrini
(1694–1776). Diese Schenkung markierte den Höhepunkt des Museums im 18.
Jahrhundert.

Schale mit Büste eines jungen Mannes, spätes 15. – frühes 16. Jahrhundert
Bemalte glasierte Terrakotta
Schale mit Gordischem Knoten und Pflanzenmotiv, erste Hälfte des 16. Jahrhunderts
Bemalte glasierte Terrakotta

Englische Handwerkskunst - Geschichten aus der Passion Christi, erste Hälfte des 15. Jahrhunderts
Polychromer Alabaster

Saal des Weißen Adlers
Die fragmentarischen Fresken in diesem Raum stammen aus dem späten 14.
Jahrhundert und zeichnen sich durch Elemente der spätgotischen
Architektur aus, die zu Dekorationszwecken verwendet wurden:
farbenfrohe Quadrate, Doppellanzenfenster und Rosetten.
Nur wenige Fragmente der Dekoration im oberen Wandbereich sind
erhalten, darunter das Traubenband und Wappen. An der Nordwand ist ein
weißer Adler zu erkennen, das älteste Wappen der Familie Este. Wie für
diese Zeit typisch, ist er auf blauem Grund dargestellt, mit
ausgebreiteten Schwingen, den Krallen auf dem Boden und dem Kopf gen
Himmel gerichtet. Dies verweist auf den spirituellen Ursprung der Macht
der Familie. Es ist ein heraldisches Symbol mit schwer
nachvollziehbaren Wurzeln, doch der Tradition der Familie Este zufolge
lässt es sich Alberto Azzo zuschreiben, der es für seine Standarten
verwendete und die Farbe des Adlers von Schwarz zu Weiß änderte, um
seine antiimperialistische Gesinnung auszudrücken.

Saal der Büsten
In diesem großen Raum stammt die erhaltene Dekoration größtenteils aus
dem späten 14. Jahrhundert. Die Putzschichten belegen jedoch, dass
darauf weitere Dekorationsphasen folgten, die jüngste datiert in die
erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Fries mit perspektivischen
geometrischen Elementen stammt aus der Zeit der Palazzo-Erhöhung im 15.
Jahrhundert, die eine Erneuerung der Fußböden und des oberen
Wandbereichs erforderlich machte. Das zentrale, purpurrote Band ist mit
großen, umgedrehten, mit Voluten verzierten Muscheln geschmückt. Von
ihnen hängen Blattornamente herab, die sich mit Männerköpfen
abwechseln, die großen Amphoren zugewandt sind. Dieses Register wurde
über ein älteres Fresko mit Tondi und blauen Vasen gemalt. Die beiden
sich überlappenden Spitzbogennischen in der Mitte der Ostwand ähneln
sich in Stil und Entstehungszeit sehr.
Die erste, mit braunem Hintergrund, scheint jünger zu sein als die mit
blauem Hintergrund und ist mit ziemlicher Sicherheit eine Nachahmung
dieser. Die Deckenbalken sind mit Motiven verziert, die jene der oberen
Wandbänder aufgreifen. An der Wandvertäfelung befindet sich eine
Papierzeichnung mit Este-Symbolen, die mit Leonello und Borso d’Este in
Verbindung stehen, darunter das Einhorn und der Flechtzaun, die die von
Letzterem angeordnete Landgewinnung preisen, sowie der Taubentrog, der
auf seine gute Regierungsführung verweist. In der Mitte des Raumes
leitet eines der Chorbücher aus der Basilika San Giorgio fuori le mura,
illuminiert von Guiniforte Solari, den Dialog zwischen der Mikrowelt
der Buchdekoration und dem monumentalen Freskenregister der
Schifanoia-Wände ein – eine Kontinuität und Interdisziplinarität der
Formen und Farben, die um 1450 zum charakteristischen Merkmal von Este
Ferrara wurde.

Leonellos Zimmer
Die Wände dieses Zimmers werden vom Motiv des Doppellanzettfensters aus
dem 14. Jahrhundert dominiert, das hier rein dekorativ und in
verschiedenen Kombinationen und Formaten verwendet wird: aufrecht,
imposant und mit Schilden gefüllt oder umgedreht in einem inneren
Blattwerkrahmen. Inmitten des Blattwerks ist die Figur eines Knaben mit
drei Gesichtern zu sehen, das Emblem Leonello d’Estes, was darauf
schließen lässt, dass die Fresken Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden
sind.
Dieses Emblem findet sich auch auf einigen Bronzemedaillen, die Pisanello für den Herrn von Este anfertigte.
Das dreifache Gesicht symbolisiert die drei Zeitebenen (Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft) und ist somit eine Allegorie der Klugheit. Ein
weiteres, später gemaltes und stark beschädigtes Register zeigt
abwechselnd fiktive Marmorplatten in zwei verschiedenen Farbtönen, die
durch Rauten getrennt sind. Diese Dekoration ist stilistisch sehr
verwandt mit der Trabeation mit Marmor-Tondi.

Saal der Doppellanzettenfenster
Dieser Raum wurde grundlegend verändert, als in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts die große Treppe zum Monatssaal errichtet wurde. Die
erhaltenen Dekorationsfragmente zeigen fiktive Architektur und das
bereits in anderen Räumen zu sehende Motiv der Doppellanzettenfenster.
Besonders interessant ist die Figur mit Hut, die von einer Loggia
blickt. Diese Darstellung lässt vermuten, dass die ursprüngliche
Wandmalerei in diesem Raum erzählerischen Charakter hatte und den
unteren Teil der Wände bedeckte. Hinter dem Vorhang führt der Weg des
Besuchers weiter zu einer detaillierten Schilderung eines Ereignisses,
das das Schicksal des Palazzo Schifanoia veränderte: die
Wiederentdeckung des Freskenzyklus im Monatssaal.

Die Monatsbilder im Palazzo Schifanoia in Ferrara sind ein Zyklus von
Fresken, mit dem der salone dei mesi im Palazzo Schifanoia, ein
Lustschloss der Este vor dem damaligen Stadtrand von Ferrara, zwischen
1469 und 1470 ausgemalt worden ist. Ausführende Künstler waren die von
den Este beschäftigten Hofkünstler, die unter dem Namen Schule von
Ferrara zusammengefasst werden. Auftraggeber war Borso d’Este. Von den
ehemals zwölf Monatsbildern sind nur noch sieben ganz oder teilweise
erhalten.

Auftraggeber der Fresken war der damalige Herzog von Ferrara, Borso
d’Este, einer der illegitimen Söhne Niccolòs III. Er hatte 1450 die
Nachfolge seines Halbbruders Leonello angetreten, da er sich nach
dessen Tod gegen einen weiteren Halbbruder und legitimen Sohn Niccolòs,
den erst 19-jährigen Ercole, durchsetzen konnte. Am 18. Mai 1452 war
sein Lehen (Reggio und Modena) durch den deutschen Kaiser Friedrich
III. bestätigt worden. Dieser hatte ihm 1452 den Titel Herzog von
Reggio und Modena verliehen. Den Titel Herzog von Ferrara erhielt er
erst 1471 vom Papst. Da er wegen seiner angeblich klugen und gerechten
Amtsführung, seinem buon governo, im Volk sehr beliebt gewesen sein
soll – glaubt man der vom Hof verbreiteten Propaganda, konnte man seine
Herrschaft zum damaligen Zeitpunkt als gefestigt betrachten. Eine
feierliche Investitur durch den Papst, geplant für das Jahr 1470,
dürfte also nur seiner Nobilitierung und der Bestätigung seiner
rechtmäßigen Herrschaft von höchster Stelle her gedient haben. Aus
Anlass des Papstbesuchs wurde der salone des Palastes in einem
erstaunlich kurzen Zeitraum vollständig mit Fresken ausgemalt.
Beteiligt waren die am Hof tätigen Künstler, vor allem Cosmè Tura,
Francesco del Cossa und Ercole de’ Roberti.

Ende des 16. Jahrhunderts, nachdem die Este das Interesse am Palast
verloren hatten und wegen des Verlusts Ferraras an den Kirchenstaat
nach Modena umgezogen waren, wurden Palast und salone neuen Nutzungen
zugeführt. Im salone wurde eine Zigarettenfabrik eingerichtet, später
ein Getreidespeicher, die zum Teil beschädigten Bilder sind in der
Folge überstrichen worden. Zufällig wurden die Fresken im frühen 19.
Jahrhundert wiederentdeckt. Zwischen 1820 und 1840 entfernte man
vorsichtig die Übermalung und restaurierte die Bilder soweit möglich.
Allerdings konnte man nur sieben der zwölf Monatsbilder wenigstens
teilweise retten, die übrigen sind für immer zerstört. Über den Inhalt
der verlorenen Bilder kann nur spekuliert werden.

In den Fresken Schifanoia-Zyklus sind verschiedene Themen und
Einzelmotive zu einem komplexen und nicht leicht zu deutenden Programm
verwoben. Das vielfach in Wanddekorationen von öffentlichen und
privaten Bauten aus Mittelalter und Früher Neuzeit anzutreffende
Herrscherlob mit der Darstellung historischer Personen und Ereignisse
ist hier mit Monatsbildern mit dem Zodiak, den Monatsregenten und den
Dekanen sowie Darstellungen der Monatsarbeiten verknüpft. Sie beruhen
auf astrologischen Konzepten, auf deren antike Herkunft besonders
deutlich die paganen Planetengottheiten auf ihren Triumphwagen
verweisen. Als Erfinder dieses gelehrten Bildprogramms gilt der
Hofastrologe der Este, Pellegrino Prisciani.

Der Saal hat eine Länge von 24 Metern, ist elf Meter breit und 7,50
Meter hoch. Ursprünglich war er durch eine Tür von der Nordseite, die
man über eine Außentreppe erreichte, zugänglich, so dass der Blick des
Besuchers zuerst auf die nicht mehr erhaltenen Monatsbilder von Januar
und Februar fiel, die Anfangsmonate des Jahreszyklus. Gegen den
Uhrzeigersinn schlossen sich die folgenden Monate an. Heute liegt der
vergrößerte Eingang auf der Westseite, so dass der Blick gegen die
Leserichtung des Zyklus auf die Bilder März, April, Mai fällt.
Jedes Monatsbild ist in drei Register unterteilt. Das oberste Register
zeigt den Planetengott oder Monatsregenten des betreffenden Monats auf
einem Triumphwagen. Er wird begleitet von seinen Planetenkindern. Unter
Planetenkindern verstanden die Astrologen des Mittelalters und der
Frühen Neuzeit Angehörige jener Berufe, die einem bestimmten Planeten
zugeordnet waren bzw. die von denjenigen, die in einem bestimmten
Sternzeichen geboren waren, besonders häufig ausgeübt wurden.

Sakrales und Profanes, I: Buchmalerei im Zeitalter von Borso
Um 1469, nach der Fertigstellung der Certosa (eines Kartäuserklosters)
gab Borso d’Este bei dem großen Guglielmo Giraldi eine prachtvolle
illuminierte Bibel in Auftrag. Dieses Werk dokumentiert die besondere
Beziehung zwischen Buchmalerei und Malerei in einem ständigen,
fruchtbaren und fantasievollen Dialog.
Guglielmo Giraldi (1441-1494): Bibel von San Cristoforo alla Certosa, Band I, ca. 1467 - vor 1471

Profan und Prunk, I: Der Stil der Zeit Borso d’Estes
Dieser entzückende Saal, der Saal der Tugenden oder der Stuckarbeiten,
hatte eine strategische Funktion: Hier empfing Borso d’Este seine
Besucher in einem prachtvollen Saal mit einer prächtigen Kassettendecke
und einem Fries aus vergoldeten und farbenprächtig bemalten
Stuckfeldern.
Die Dekoration zeigt abwechselnd das Wappen der Familie Este (die Lilie
gepaart mit dem Reichsadler), die Wappentiere des Herzogs (darunter das
Einhorn und der Flechtzaun) sowie Personifikationen der Tugenden als
elegante Frauengestalten.

Das auffällige Fehlen der Gerechtigkeit unter den Kardinaltugenden
(Klugheit, Stärke und Mäßigung) und den religiösen Tugenden (Glaube,
Hoffnung und Liebe) lässt vermuten, dass diese Tugend durch die physische Präsenz des Herzogs selbst repräsentiert wurde, wie
im Monat März im angrenzenden Saal der Monate. 1467 erhielt der
Paduaner Bildhauer Domenico di Paris den Auftrag, diese Darstellung der
moralischen Tugenden Borsos zu gestalten. Unterstützt wurde er dabei
von dem Künstler Bongiovanni di Geminiano, der die Stuckarbeiten
ausführte.

Die Werke in diesem Raum veranschaulichen die Einzigartigkeit der
Ferraraser Kunst zur Zeit Borsos. Es entwickelte sich ein Stil, der auf
wirbelnden, dynamischen Formen und dichten Räumen basierte und die
Grenzen von Malerei und Technik sprengte. Roberto Longhi bezeichnete
ihn als „profan und verschnörkelt“ und sprach von immenser
Ausdruckskraft und Originalität.

Vom Hof zum Kloster: Die Kartäuserchorbücher
Ein weiteres Meisterwerk der Este-Buchmalerei, die Chorbücher der
Kartäuser, entstanden in einer der bedeutendsten Skriptorien Italiens.
Diese Bände wurden um 1468 von Borso in Auftrag gegeben, ihre
Fertigstellung erfolgte jedoch erst 1476 unter Herzog Ercole I.
Guglielmo Giraldi (1441–1494) und Mitarbeiter: Kartäuser Choral. Graduale „L“, 1470–80

Die Verbreitung des Machtbildes
Der Bildhauer Sperandio Savelli, Schöpfer prachtvoller Medaillen für
Würdenträger, Höflinge und Humanisten, wurde von Ercole I. zum
offiziellen Porträtisten der Familie ernannt. Das Porträt des Fürsten
wurde zum dominanten Motiv auf Münzen, die selbst den Status eines
Kunstwerks erreichten und zu einem wirkungsvollen Instrument
politischer Propaganda wurden. Das kraftvolle Profil des Herzogs wird
auf der Vorderseite (Rückseite) von prachtvollen Darstellungen
begleitet, die der klassischen Ikonografie und den Herkulesmythen
entlehnt sind.

Der Palast lag zunächst außerhalb der städtischen Bebauung Ferraras in
einem Garten in der Nähe von anderen, delizie genannten
Lustschlösschen, von denen nur noch der Schifanoia erhalten ist. Der
ursprüngliche Bau aus dem Jahr 1385, in Auftrag gegeben von Alberto V
d’Este, war einstöckig, ohne Seitenflügel und bestand im Grunde nur aus
einem großen Saal für Bankette und Feste. Unter Borso d’Este und dessen
Nachfolger Ercole I. d’Este wurde das Gebäude von den Hofarchitekten
Pietro Benvenuto degli Ordini und Biagio Rossetti
erweitert.

Eine moderne Bildsprache für die Bildhauerei in Ferrara
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts markierte Antonio Lombardos Ankunft in
Ferrara einen Wendepunkt für die lokale Bildhauerkunst. Ausgebildet in
der venezianischen Werkstatt seines Vaters und tief in die Antike
eingeweiht, kam er als berühmter Herzoglicher Kammerherr in die Stadt
und brachte eine zurückhaltende und zugleich kraftvolle Bildsprache
mit, die die Künstler Ferraras nachhaltig prägte.
Antonio Lombardo und Werkstatt:
Thronende Madonna mit Kind, dem Heiligen Georg und einer Gläubigen, um 1515
Weißer Marmor und roter Pavonazzetto-Marmor

Eine Madonna auf der Suche nach ihrem Künstler
Zu den kürzlich restaurierten Werken der Sammlung gehört diese
beeindruckende Statue, die lokale Gelehrte Alfonso Lombardi
zuschrieben. Die Restaurierung ihrer Formen und der Polychromie
widerlegt diese Zuschreibung und unterstreicht gleichzeitig die
Qualität der Modellierung und des Ausdrucks, konnte den Bildhauer aber
noch nicht identifizieren. Ein faszinierendes Rätsel, das das Museo
Schifanoia Forschern und Kunstliebhabern gleichermaßen aufgibt.
Anonym (früher Alfonso Lombardi zugeschrieben): Madonna mit Kind, ca. 1520–1550, Bemalte Terrakotta

Weltliche und religiöse Skulptur in Ferrara, II
Diese große Halle war einst in zwei separate Räume unterteilt, die den
Abschluss des von Borso in Auftrag gegebenen Palastes bildeten. Von der
ursprünglichen Dekoration ist die fragmentarische Figur eines jagenden
Ritters (vermutlich Borso selbst) an der Ostwand des Raumes erhalten.
Ihr Thema und Stil lassen vermuten, dass sie zeitgleich mit dem Saal
der Monate entstand.
Die Geschichte der Bildhauerei in Ferrara setzt sich mit dem
Hofbildhauer und Goldschmied Sperandio Savelli fort, einer zentralen
Figur zur Zeit Ercoles I. Savelli schuf um 1473 den prächtigen
Sarkophag des Prisciano Prisciani, der von dessen Sohn Pellegrino,
Astrologe und Hofbibliothekar, in Auftrag gegeben wurde. Die
außergewöhnliche Qualität der Basreliefs veranlasste Kritiker in der
Vergangenheit, das Werk bedeutenden Künstlern zuzuschreiben. Zwei
ausdrucksstarke Terrakotta-Statuen aus San Cristoforo alla Certosa
(eine Schmerzensmutter und ein Heiliger Johannes der Evangelist) können
ebenfalls Savelli zugeschrieben werden. Die Terrakotta-Madonna mit Kind
war ein fester Bestandteil der privaten Andacht: Hier finden wir zwei
bedeutende, aber wenig bekannte Beispiele.
Während Ferrara Ende des 15. Jahrhunderts noch Künstler und Kunstwerke
aus Florenz importierte (Andrea della Robbias Heiliger Franz von Assisi
und Heiliger Bernhardin von Siena), markierte das folgende Jahrhundert
auch in der Bildhauerei eine bedeutende Wende. Ein Beispiel für die
neue Monumentalität der Ferrareser Bildhauerei ist die Madonna mit
Kind, die sich einst im Oratorium der Battuti Bianchi befand und die in
den Quellen fälschlicherweise Alfonso Lombardi zugeschrieben wird.

Malerei und Bildhauerei
Zu den ausländischen Einflüssen auf die visuelle Kultur der Este zählen
die Werke der Della Robbia, jener Florentiner Bildhauerfamilie, die die
Technik der glasierten Terrakotta erfand – geformter Ton, der mit
glänzenden, oft farbigen Glasuren überzogen wird. Eine Technik, die im
Dialog mit der Malerei steht, wie wir an diesen beiden Heiligenfiguren
aus der Kirche San Francesco bewundern können.
Andrea della Robbia (1435-1525):
Heiliger Franziskus von Assisi, ca. 1495-1500
Heiliger Bernhardin von Siena, ca. 1495-1500
Glasierte Terrakotta

Die Schifanoia-Fassade. Politische Macht im 16. Jahrhundert: von den Herzogtümern zur Dezentralisierung
Dieser Raum war Teil der Erweiterung des Palazzo nach Osten durch
Ercole I. Ende des 15. Jahrhunderts. Bei Restaurierungsarbeiten im Jahr
1976 wurden an der Westfassade Fragmente des Stuckdekors aus der Zeit
Borsos entdeckt. Diese weisen geometrische Motive auf, die die Wirkung
einer polychromen Marmorwand imitieren. Die Ausstellung im Obergeschoss
endet mit den letzten Herren des Hauses Este bis zum schicksalhaften
Jahr 1598. Da Alfons II. ohne Erben starb, ging die Macht von den Este
an den Papst über, und Ferrara wurde in den Kirchenstaat eingegliedert.

Anonymer Künstler aus Ferrara, Testament von Alfons I. d’Este (Almosen
für das Sant’Anna-Hospital in Ferrara), 1534, Illuminierte Handschrift

Statue von Borso d'Este

Giuseppe Caletti (um 1600–1641): Geschichten aus dem Leben des Heiligen Johannes des Täufers, um 1630, Öl auf Leinwand
Die Verkündigung der Engel an Zacharias und Elisabeth / Mariä Heimsuchung / Johannes der Täufer in der Wüste
Johannes der Täufer vor Herodes/ Das Festmahl des Herodes / Die Gefangennahme des Täufers
Die Grablegung des Heiligen Johannes des Täufers / Salome überreicht
Herodes den Kopf des Heiligen Johannes des Täufers / Herodias ordnet
die Bestattung des Hauptes des Heiligen Johannes des Täufers an

Malerische Neigungen: Religiöse Malerei im 16. und 17. Jahrhundert
Die in diesem und dem nächsten Raum ausgestellten Werke stammen aus der
Quadreria, der Gemäldesammlung der ASP (Azienda Servizi alla Persona)
von Ferrara und sind seit 1974 als Dauerleihgabe in den Musei d'Arte
Antica zu sehen. Sie stammen aus religiösen Einrichtungen, die sich der
Unterstützung von Waisen, Armen und bedürftigen Frauen widmeten, und
sind ein unschätzbares Zeugnis des Geistes der Solidarität, der Ferrara
seit den letzten Jahren des Herzogtums und einen bedeutenden Teil
seiner Kunst prägte. Anhand der Aufträge dieser Organisationen lässt
sich der Wandel der lokalen Kunstsprache dokumentieren: von
traditionellen Lösungen wie denen Niccolò Rosellis in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts hin zu dem neuen Stil Giuseppe Mazzuolis,
genannt Il Bastarolo, der zwischen Naturalismus und Manierismus
angesiedelt ist.
Die Einrichtung der päpstlichen Gesandtschaft und die Modernisierung
der Sakralbauten nach dem Erdbeben von 1570 brachten einen
tiefgreifenden künstlerischen Wandel mit sich. Bezeichnend für diese
Zeit sind die sich kreuzenden und doch gegensätzlichen Wege von
Scarsellino und Carlo Bononi: Ersterer ein feinfühliger Interpret
venezianischer Kunst, Letzterer ein visionärer Künstler, der Tradition
und Innovation zu höchst originellen Ergebnissen vereinte. Eine der
Schlüsselfiguren dieser Phase war der Maler und Kupferstecher Giuseppe
Caletti aus Cremona, der eine der originellsten Serien des Ferrara des
17. Jahrhunderts schuf: die siebzehn Geschichten aus dem Leben Johannes
des Täufers, die um 1630 für das Oratorium San Giovannino in einem fast
märchenhaften Stil des Neo-16. Jahrhunderts entstanden.
* * *
Giuseppe Mazzuoli, genannt Bastarolo (1535–1589): Madonna in Glorie mit
den Heiligen Barbara und Ursula, verehrt von unverheirateten Frauen, um
1586–89, Öl auf Leinwand
Giuseppe Mazzuoli, genannt Bastarolo (1535–1589): Enthauptung Johannes des Täufers, um 1572, Öl auf Holz

Ippolito Scarsella, genannt Scarsellino (1551–1620): Enthauptung Johannes des Täufers, um 1603–05, Öl auf Leinwand
Ippolito Scarsella, genannt Scarsellino (1551–1620): Das Martyrium der Heiligen Margareta, 1611, Öl auf Leinwand

Kopien und Bearbeitungen klassischer Meisterwerke
Ein zentraler Punkt des neuen Museums wären die beiden Büsten der
Niobiden gewesen, beeindruckende Kopien antiker Vorbilder, sowie die
strenge Vestalin und das exotische Zigeunermädchen, elegante Kreationen
aus dem 18. Jahrhundert mit der gleichen feinen Handwerkskunst und alle
aus dem gleichen Carrara-Marmor gefertigt.
Niobide, 18. Jahrhundert, Marmor
Zigeunermädchen, 18. Jahrhundert, Marmor
Vestalin, 18. Jahrhundert, Marmor

Das Museum von Gian Maria Riminaldi
Dieses öffentliche Museum, 1758 im Palazzo Paradiso, dem damaligen Sitz
der Universität, gegründet, wurde 1771 im Zuge der Universitätsreform
von dem aus Ferrara stammenden Aristokraten Gian Maria Riminaldi
erweitert und umgestaltet. Riminaldi lebte in Rom, wo er eine glänzende
kirchliche Karriere machte, die 1785 mit seiner Ernennung zum Kardinal
ihren Höhepunkt erreichte. Kunst-, architektur- und literaturbegeistert
und aufmerksam für die Entwicklungen der europäischen Kultur, knüpfte
er ein Netzwerk von Beziehungen zu den bedeutendsten Intellektuellen
und Sammlern seiner Zeit sowie zu renommierten Künstlern. Für die
Verwirklichung seines Museumsprojekts ließ er sich von den
Kapitolinischen und den Vatikanischen Museen sowie den Sammlungen der
Medici, Farnese, Albani und Borghese inspirieren.
Zwischen 1763 und seinem Tod 1789 sandte er regelmäßig Kunstwerke als
Geschenke nach Ferrara: Skulpturen, Mosaike und kostbare Möbel, die er
entweder selbst anfertigen ließ oder auf dem Antiquitätenmarkt erwarb
und ganz im Sinne der in Rom vorherrschenden Begeisterung für antike
Kunst auswählte. Die prestigeträchtige Sammlung wurde in den Räumen des
Obergeschosses des Palazzo Paradiso untergebracht, der von Riminaldi
aufwendig renoviert worden war.

Römische Werkstatt: Litoteca, 1763, Steinmuster, Holz, Bronze und polychromer Marmor

Die kleinen Bronzeskulpturen
Einige der kleinen Bronzen reproduzieren große Werke antiker Kunst, wie
den Kapitolinischen Marcus Aurelius, die Meeresvenus und den
Farnesischen Herkules, während andere Meisterwerke der Renaissance und
des Barock kopieren, darunter Michelangelos Morgenröte, in
konzeptioneller Kontinuität mit den klassischen Vorbildern, und
Berninis Mohr, ein modernes Werk, das in römischen Kreisen hohes
Ansehen genoss.
Francesco Fanelli (um 1580–1653): Heiliger Georg, erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, Vergoldete Bronze

Anlässlich des 30. Jahrestages der Aufnahme Ferraras, der Stadt der
Renaissance, in die Liste des UNESCO-Welterbes präsentiert der Garten
des Palazzo Schifanoia von Este die Ausstellung „Astrologische Musen“
von Maurizio Bonora und schafft so einen symbolträchtigen Dialog
zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die zwölf Skulpturen beziehen
sich auf den berühmten Monatszyklus, der von Borso d’Este in Auftrag
gegeben und zwischen 1469 und 1470 von Meistern der Schule von Ferrara,
darunter Francesco del Cossa und Ercole de’ Roberti, gemalt wurde.
Bonora ließ sich von den astrologischen Symbolen im Saal der Monate
inspirieren und schuf zwölf Sockel für die Ausstellung, auf denen
Figuren, die auf Schiffen oder Streitwagen stehen, Sonne und Mond
halten.
Darauf stehen Skulpturen, die seit 1990 entstanden sind und die
Personifikationen der Tages- und Nachtstunden darstellen (die 1994
anlässlich des 500. Todestages von Matteo Maria Boiardo auch mit
einigen Figuren aus „Orlando in Love“ in Verbindung gebracht wurden).
Die neuen „Doppelwesen“, die an klassische Hermen erinnern, vereinen
harmonisch Repräsentation und Abstraktion, Archaismus und Moderne.
Bonora verwebt mit Begeisterung die Fragmente einer langen visuellen
Reise, die von den prägnanten Formen mesopotamischer und
altgriechischer Skulpturen bis hin zu den Oberflächen des Informel
reicht. Seine jüngeren Kompositionen werden durch spielerische „blinde
Passagiere“ belebt, kleine Einfügungen, die ihnen einen Hauch von
Ironie verleihen, wie wir auch in den vorbereitenden Zeichnungen sehen,
die im Erdgeschoss des Museo Schifanoia ausgestellt sind.
Bonoras astrologische Musen fügen sich harmonisch in die grüne
Gartenlandschaft ein und entfachen den Zauber eines der
geheimnisvollsten und zugleich symbolträchtigsten Orte des Hofes von
Este. Wie die antiken Statuen, die einst Renaissancegärten schmückten,
blicken sie von den Bögen der Pergola herab, deren Grundriss dem des
16. Jahrhunderts folgt. Mit ihrer doppelten Macht als himmlische
Göttinnen und Beschützerinnen der Künste verkörpern die Musen die
gegensätzlichen Prinzipien von Natur und Kunst, die seit der Antike die
Entstehung prachtvoller Gärten inspiriert haben. Es ist eine Einladung,
den Mythos mit dem Blick der Gegenwart neu zu entdecken und mithilfe
der Kraft der Fantasie herauszufinden, wer wir sind und wer wir werden
können.
DIE ASTROLOGISCHEN MUSEN, Skulpturen von Maurizio Bonora
Ferrara, Palazzo Schifanoia Garden Bis 28. Juni 2026

Dieses Monument gilt als Meisterwerk unter den im 3. Jahrhundert n.
Chr. in Ravenna gefertigten und über Flüsse in den Süden Venetiens
verbreiteten architektonischen Sarkophagen. Der aus kostbarem
Prokonnesischem Marmor gefertigte Sarg weist an der Vorderseite eine
architektonische Ädikula auf, die die Inschrift und die Figuren des
Verstorbenen einrahmt. Die ausdrucksstarken und lebendigen Porträts des
ehemaligen Unteroffiziers Aurelius Marinus und seiner Frau Aurelia
Eutychia sind in die Akroterien an den Ecken des Giebeldeckels
eingemeißelt, der ein Sandsteinschindeldach nachbildet. Das Porträt des
Veteranen ist ebenso realistisch wie das der Frau, die einen geknoteten
Schal über den Schultern trägt und in der Mode hochrangiger Damen
gekleidet ist. Die figürliche Dekoration enthält keine Symbole aus
Aurelius Mariinus’ vorheriger militärischer Laufbahn, von der wir nur
durch die Inschrift erfahren. Auf der rechten Seite des Sarkophags
erinnert eine Hochzeitsszene (dextrarum iunctio) an eheliche Harmonie.
Links sind der Gorgonenkopf, Erotes und der Kranz wiederkehrende
Symbole der Bestattungskultur. Die Rückseite des Sarges trägt die
Inschrift: „1713 in Voghiera exhumiert, 1739 per Karren nach Ferrara
transportiert und 1776 hier beigesetzt.“
Sarkophag der Aurelier, zweites Viertel des 3. Jahrhunderts n. Chr., Voghenza (Fe)

Unter den wiederverwendeten Inschriften befindet sich eine besonders
bedeutende Gruppe von Marmorreliefs, die ursprünglich in der Kathedrale
verwendet, aber 1738 entfernt und in das Universitätsmuseum gebracht
wurden. Die elegante Nischenstele des Pupius Mentor, die bereits im 16.
Jahrhundert in die Mauern der Kathedrale eingemauert wurde, stammt aus
der Zeit Kaiser Neros (54–68 n. Chr.). Die dargestellte Figur war Arzt
und Mitglied des Kollegiums der Seviri, die an der Organisation des
Kaiserkults beteiligt waren. Die Ganzkörperdarstellung in Toga
unterstreicht den hohen sozialen Status des Freigelassenen. Die
Inschrift am unteren Rand lautet: P(ublius) Pupius P(ubli) I(ibertus)
Mentor / Medicus IIIIII vir
„Publius Pupius Mentor, Freigelassener des Publius, Arzt, Seviri.“
Stele des Pupius, 54–68 n. Chr. Im Inneren der Kathedrale eingemauert.

Das 1898 eröffnete Museum beherbergt neben einer Sammlung von
Gegenständen der ägyptischen Kunst und Kultur von der 5. Dynastie bis
in die griechisch-römische Zeit, griechische und etruskische Keramik
und römische Gläser und Amphoren. Von herausragender Bedeutung ist die
numismatische Abteilung. Hier sind neben Medaillen von Pisanello und
Sperandio da Mantova Münzen aus der republikanischen Epoche und der
Kaiserzeit Roms sowie des Kirchenstaates vertreten. Die kostbaren
Buchbestände stammen aus dem aufgehobenen Kloster San Giorgio. Darunter
befindet sich eine von Borso d’Este in Auftrag gegebene Bibel für das
Kloster San Cristofero della Certosa. Daneben werden Graphiken,
Kunstgewerbe und Skulpturen vom 16. Jahrhundert bis zum Klassizismus
ausgestellt.

Wem der viele Text zu lange war und lieber Bewegtbilder mit Musik mag,
kann sich gerne dieses Video antun: